Cinecitta oder Citta-Slow? – Das Theater um die Lichtspiele in Lüdinghausen

Lüdinghausen – Ein Kino an der Konrad-Adenauer-Straße? Ja warum denn nicht? Ich finde die Idee absolut überlegenswert, fehlt doch, nach dem sich leider nie materialisierenden Phantom eines Elektronik Fachmarktes (Euronics) des Bürgermeisters, eine zündende Idee, eine Vision für das prominenteste und „sofort“ verfügbare Baugelände für Handel und Gewerbe in Lüdinghausen. Und das so leichtfertig aufgegebene Kolpinghaus mit Kino und Kneipe vermisse ich, seitdem es am Ostwall ein Opfer der Bagger wurde.

Nachdem das Kino-Versprechen des Richard Borgmann nun schon so viele Jahre in der Schublade lag – und zu keiner Zeit etwa in den Stadtplanungsgremien oder gar im Rat der Stadt auch nur als halbwegs konkrete Projektidee beraten wurde – konnte es natürlich auch keinen Eingang in das „Integrierte-Stadtentwicklungskonzept“ (ISEK) oder das kommunale Einzelhandelskonzept finden.

Das kann man alles, wie der Bürgermeister, der komplexen Materie und schwierigen Verhandlungen/Beratungen mit Investoren zuschreiben. Dass der Bürgermeister aber pünktlich zum Wahljahr sowohl einen lokalen Investor (Austrup), als auch einen Betreiber für das Lichtspielhaus (K-Motion) aus besagter Schublade zieht, das ist eine echte „Überraschung“ – oder etwa nicht?

Die Bagger können rollen

Die fertige Planung durch einen Lüdinghauser Architekten liegt auch schon auf dem Tisch. Im Prinzip könnten also morgen schon die Bagger rollen – und nächstes Jahr Eröffnung gefeiert werden. So stand es in der Zeitung. Wer dieses Projekt also heute noch hinterfragt, der gefährdet es. „Take it – or leave it.“ Das ist der „Borgmann-Style“.

Für den benachbarten Edeka und Bruno Kleine hat man in Lüdinghausen damals noch auf Architektenwettbewerbe gesetzt – und sich dafür selbst ausgiebig auf die Schulter geklopft. Mit Recht! Dieses Mal soll es offensichtlich deutlich schneller gehen.

Für die Stadtentwicklungsplanung in Lüdinghausen ist das Kinoprojekt wirklich ein dicker Brocken! Und das nicht nur wegen der Größe der Baumaßnahme. Hier geht es um weitaus mehr als „nur“ die architektonische Qualität der Gebäude!

Jedes, aber auch wirklich jedes Rats- oder Ausschussmitglied das ich persönlich kenne, würde einem Kino vermutlich sofort zustimmen. Einige würden vielleicht über die Größe, die Lage, die Verkehrsanbindung und Einbindung/Auswirkungen in und auf das Umfeld (Wohngebiet) diskutieren wollen – um diese Interessen zu vertreten, sind sie schließlich gewählt worden!

Doch alles in allem, wäre dem Vorhaben wohl eine deutliche Mehrheit im Stadtrat sicher! Soweit lehne ich mich hier aus dem Fenster.

Die „Überraschung“

Vielleicht erschließt sich aber der Grund für die allgemeine „Überraschung“ darin, dass zum Kinoprojekt auch ein Supermarkt (für den es, mit REWE, natürlich auch schon einen Betreiber gibt!) mit rund 1600 m2 Verkaufsfläche gehören soll muss.

Dieser Supermarkt soll, so stellt es sich der Investor vor, über seine Miete das Kino-Projekt quer-subventionieren, denn: „Eine reine Investition in ein Kino macht vor dem Hintergrund der Kosten in Relation zum Mietzins wirtschaftlich keinen Sinn.“ so ließ sich Austrup in den Westfälischen Nachrichten zitieren.

Und genau dieser Supermarkt ist für viele der eben angesprochenen Rats- & Ausschussmitglieder eine Frage, über die sie mit Sicherheit ein zweites Mal nachdenken werden müssen – wenn sie denn gefragt werden! Doch bis heute ist das noch nicht geschehen!

Das ist leider die kommunalpolitische Realität in Lüdinghausen: Die Verantwortlichen bekommen ihre wenigen Informationen aus der Tageszeitung.

Das Borgmann Prinzip: Entweder – oder nix…

Wie schon beim Steverhotel, oder gerade jüngst bei der Vorstellung des Gesundheits-Campus mit der quasi inkludierten Entscheidung über ein Parkhaus am Ostwall, stellt Borgmann seine Stadtverordneten auch mit dem Kino vor eine alternativlose Entscheidung:

Also: Entweder nehmt ihr den REWE – oder ihr bekommt gar nix!

Dass an dieser Stelle die oben angeführten Stadtentwicklungs-/Einzelhandelskonzepte ausdrücklich KEINEN Bedarf für einen weiteren Lebensmittelmarkt sehen, ist plötzlich nicht mehr relevant.

Ist doch egal! Wir wollen doch ein Kino – da kommt es doch auf einen weiteren Supermarkt nicht an! Das denken und sagen viele – zumal REWE die Konkurrenz im nicht-Discounter Lebensmittelhandel beleben würde! Außerdem führt REWE die Lieblingsfertigkaffeesorte meiner Frau – der sonst nirgendwo in der Stadt zu finden ist!

Doch Kaffee beiseite: Wenn ein Teil des Geschäftes ökonomisch keinen Sinn macht (das Kino), und der andere Teil (der Supermarkt) dem Konsens in der Einzelhandelsentwicklung entgegensteht, dann haben wir ein Problem! Ein typisches Borgmann-Problem…

Ökonomisch sinnlos?

Gehen wir nochmal zurück zu den wenigen „Fakten“ die erklärt wurden: Investor Austrup sagt, ein Kino alleine macht ökonomisch keinen Sinn. Der designierte Kino-Betreiber sagt, er macht in allen seinen 14 Betrieben über 20 Millionen Euro Umsatz – dann sind das etwa 1,4 Millionen pro Standort. Umsatz, nicht Gewinn!

Unter diesen „Fakten“ kann man sich jetzt sozusagen aussuchen, was wichtig ist. Ist ein Kinobetreiber erfolgreich, wenn er 14 Betriebe betreibt und dabei offensichtlich nicht in eine wirtschaftliche Schieflage gerät? Ich würde sagen: Respekt & Gratulation! Dabei scheint es sich tatsächlich um ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen zu handeln – so ein Unternehmen können wir brauchen, in Lüdinghausen!

Warum ist Lüdinghausen aber ein so schwieriges Pflaster, dass eben dieses „erfolgreiche“ Unternehmen hier keine ökonomischen Rahmenbedingungen findet, unter denen sich eine Investition in den Bau eines Kinos auch ohne Supermarkt rechnen ließe?

Bekommt K-Motion etwa an anderen Orten Subventionen? Bekommt das Unternehmen die Immobilien vergünstigt? Ist Lüdinghausen so speziell und so viel teurer als die anderen Städte in denen sie Kinos betreiben? Oder ist es doch der Investor, mit seinen Erwartungen an eine Rendite, der ein Kino (an der Stelle) so schwierig macht?

Ich weiß es ehrlich nicht, vielleicht verstehe ich das auch nicht, denn bin kein Betriebswirtschaftler und wirklich für jede Aufklärung dankbar!

Die Standortfrage

Wenn sich ein Investor und Betreiber für das Kino findet, dann ist die Konrad-Adenauer-Straße mit Sicherheit kein schlechter Standort – keine Frage! Ist der Standort aber tatsächlich der beste? Auch hier hat sich der Bürgermeister schon festgelegt. Eine Diskussion darüber würde das Projekt gefährden. So ist das bei Borgmann.

Nun gut, Kneipen, Restaurants oder Bars die von der Ansiedlung eines Kinos profitieren würden, gibt es nicht… ein anderes, konkurrierendes, Unternehmen, welches von der Lage des Kinos beeinträchtigt würde, gibt es aber ebenso wenig. Bleiben noch die Interessen der Anwohner – doch die gibt es wohl an allen Lokationen, die nicht gerade in einem Gewerbegebiet angesiedelt sind. Wenn es gelingt einen Ausgleich für diese Interessen zu finden, ist das Problem lösbar.

Dabei setzt eine Entscheidung für ein Kino an der vorgesehenen Stelle sich aber nicht nur über das Einzelhandelskonzept hinweg, welches an der Stelle dezidiert einen „Fachmarkt“ (zB. Euronics!) vorsieht, es trägt ebenso wenig zum wichtigsten Ziel der Einzelhandels & Stadtentwicklung bei – der Stärkung der Lüdinghauser Innenstadt. Da würde ein Kino also weder positive, noch negative Auswirkungen haben.

Der Supermarkt und die Innenstadt

Ein an dieser Stelle hinzukommender Supermarkt wäre ganz und gar nicht so „neutral“ zu bewerten wie ein Kino. Denn dieser Supermarkt würde dem Konzept diametral entgegen wirken – und die Innenstadt nachhaltig schädigen!

Tatsache ist: Es gibt tatsächlich Bedarf für einen weiteren Lebensmittelmarkt in Lüdinghausen – Tüllinghoff ist unterversorgt. Das steht genau so im Gutachten von 2011. Die Innenstadt wiederum hat keinen Vollsortimenter mehr, weder im Discount, noch im Supermarkt Segment. Seit der Ansiedlung/Verlagerung des Aldi zum Adenauer Kreisel bleiben in der Innenstadt nur noch Bäckereien und Bioläden.

Was soll man also machen? In der Innenstadt gibt es keinen Platz, zu viele Beschränkungen für den Verkehr, und überhaupt ist das doch egal, heutzutage fährt man ja doch mit dem Auto – da ist die Lage am Stadtfeld 2 doch sogar prima – so mit Bundestrasse vor der Tür.

Ein Einzelhandelskonzept – wofür?

Abgesehen davon, dass die Stadt Lüdinghausen sich einmal ausdrücklich für die Kleinteiligkeit und Nahversorgung unter nachhaltigen Bedingungen engagiert und dazu bekannt hat – und deshalb der Citta-Slow Bewegung beigetreten ist. Natürlich können wir auf das „Etikett“ auch verzichten – bringt ja doch nix ein.

Aber vielleicht machen wir es uns auch nur zu einfach! Denn wofür steht ein Einzelhandelskonzept, wenn man sich nicht daran hält? Was sagt zum Beispiel die Firma Wiewel (Edeka) zu den Plänen? Was war die Geschäftsgrundlage zum Abschluss für den damaligen Investor?

Und vor allem: Was sollen andere Lüdinghauser Einzelhändler davon halten, wenn die Stadt die gemeinsamen Verabredungen und Pläne nicht einhält?

Der Investor Austrup ist nicht dumm. Statt einem – aus nur einem Gebäude bestehenden – großen Kinokomplex, will er kleinteilig bauen. Fünf kleinere – verbundene – Gebäudeeinheiten erleichtern auch die Vermarktung, sollte der Kinobetreiber, aus welchen Gründen auch immer, mal „abgängig“ sein.

Denn dann könnte er dort fünf kleinere Ladengeschäfte einrichten lassen und kommt vermutlich dabei sogar auf einen besseren Return-of-Investment als mit dem Kino. Lüdinghausen hätte dann aber genau das, was es mit allen Kräften verhindern wollte: Eine „neue Mitte“ – ein Shopping Center vor den Toren der Innenstadt.

Ich habe hier, nur für mich, ein paar Widersprüche herauszuarbeiten versucht, zwischen der alternativlosen Planungskultur des „Systems Borgmann“ und den Entwicklungszielen auf die sich die Stadt vor wenigen Jahren verständigt hat. Ich habe versucht zu einigen präsentierten „Fakten“ Fragen zu stellen – auf deren Beantwortung durch den politischen Prozess im Rat der Stadt Lüdinghausen ich setze.

Mein Plan B

Ich habe aber auch einen Vorschlag um in der Diskussion eine „Alternative“ zu entwickeln:

Die Deutsche Post / DHL wollte schon vor Jahren ihren Betrieb an der Freiheit Wolfsberg aufgeben. Das Gebäude gehört eben so lang schon einem (amerikanischen) Investor. Was dieser Investor mit den Gebäuden vor hat, was Borgmann mit dieser zentralen Lage in der Innenstadt vor hat, das weiß ich nicht. Vielleicht gibt es auch dafür schon einen Plan in der Schublade des Bürgermeisters?

Eine Fläche dieser Größe in zentraler und äusserst prominenter Innenstadtlage, mit direkter Anbindung an eine Bundestrasse, Busbahnhof UND der Lage zum Tüllinghoff – wenn das nicht genau DER Standort für einen Vollsortimenter ist, von dem im Einzelhandelskonzept der Bedarf dokumentiert ist – dann habe ich es wohl einfach nicht verstanden!

An der Freiheit muss ohnehin dringend „aufgeräumt“ werden, sagt das ISEK. Hat doch das letzte „Entwicklungsprojekt“ an dieser Stelle, der Stadt durch seine architektonische Beliebigkeit eher geschadet. Der nächste Wurf dort muss wirklich sitzen! Noch einen Austrupschen Klinkerriegel mit Büros und Arztpraxen brauchen wir wahrhaftig nicht.

Diese Gebäude durch eine Kombination aus Supermarkt inklusive Post-Shop (im Erdgeschoss) UND einem Kino (oben drüber) zu ersetzen – DAS wäre eine echte Herausforderung für einen Architekten! Im Gegensatz zum akkuraten Drapieren von Würfeln auf der grünen Wiese. Das wäre ein Projekt mit Vision – und mit nachhaltiger Wirkung auf die Innenstadt…!

Wer Visionen hat…

Für die Konrad-Adenauer Straße hätte ich einen ganz anderen Vorschlag: Ein – kleines, aber feines – Hallenbad würde im Zusammenspiel mit der geplanten Leistungssporthalle gegenüber so etwas wie den Sport-Campus Lüdinghausen bilden können. Denn dass unser Bad am Klutensee noch „zu retten“ ist, wird mit jedem Tag und jedem neuen Fakt über seinen tatsächlichen Zustand unwahrscheinlicher.

Aber vielleicht ist das wirklich eine andere Geschichte…und ich sollte wegen meiner Visionen dem Rat eines großen sozialdemokratischen Bundeskanzlers folgen und zum Arzt gehen?

Jedenfalls wäre ein Bürgermeister mit einer Vision für unsere Stadt wirklich nicht schlecht. Ein Bürgermeister, der Projekte moderiert, statt immer wieder nur „alternativlose“ Fakten zu präsentieren, wäre notwendig. Ein Bürgermeister, der seine Verlässlichkeit durch das Einhalten von gemeinsamen Plänen definiert und demonstriert. Ein Bürgermeister, der sachliche Kritik nicht als persönlichen Angriff begreift.

Eine BürgermeisterIN wäre vermutlich tatsächlich das beste, was Lüdinghausen passieren könnte!


Link: Das Integrierte-Stadt-Entwicklungs-Konzept (ISEK)

Link: Das Einzelhandelskonzept Lüdinghausen (2011)

Link: K-Motion-Betreiber wollen Kino schon im Herbst 2016 eröffnen (WN 14.04.2015)

Link: Investor plant Kino und Supermarkt – „Star Wars“ in der Steverstadt (WN 28.02.2015)


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Klaus Böttger ist Redakteur des SPD.Netzwerk-LH und Beisitzer im Vorstand der SPD Lüdinghausen.
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Klaus Böttger ist Redakteur / Webmaster dieser Seite und außerdem Beisitzer im Vorstand der SPD in Lüdinghausen. Sein "Digitales Manifest" findet sich hier. Er bloggt unter anderem auch auf http://westfalenblog.de

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